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Geld pflegt nicht: Der 23. Schweinfurter Geriatrietag beleuchtete Situation der ambulanten Pflege


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SCHWEINFURT – Rund 60 Gäste kamen zum 23. Schweinfurter Geriatrietag in den Pfarrsaal St. Kilian. Norbert Holzheid, Vorsitzender des Seniorenbeirats begrüßte besonders Oberbürgermeister Sebastian Remelé, aller anwesenden Stadträte sowie die Referentinnen und Referenten.

Eröffnet wurde die Veranstaltung durch den Oberbürgermeister, der in seinem Grußwort auf die Situation der ambulanten Pflege in Schweinfurt und auch auf den neuen geplanten Standort des Friederike-Schäfer-Heims einging.


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Anja Fößel, Gesundheitsmanagerin der Krankenkasse SKD BKK beschäftigte sich in ihrem Vortrag „Gönn dir eine Atempause“ mit der möglichen Überlastung privater Pflegepersonen bei der Betreuung von Familienmitgliedern im häuslichen Umfeld. Es geht bei der Pflege von Angehörigen zu Hause darum, Alarmsignale der Überlastung frühzeitig zu erkennen. Als körperliche Anzeichen nannte Fößel beispielsweise Muskelverspannungen und Kopfschmerzen. Weitere Signale wie Sorgen, das Gefühl der Hilflosigkeit, Konzentrations- und Entscheidungsschwächen können gepaart sein mit Schlafproblemen oder dem Rückzug ins Private.

In diesem ersten Schritt geht es laut Fößel darum, dem Teufelskreis der eigenen Überlastung zu entkommen. Neben dem Erkennen der Überlastungsanzeichen ist das Herausfinden von persönlichen Kraftquellen ein zweiter wichtiger Schritt. „Machen Sie sich auf die Suche nach ihrer persönlichen Atempause“, um in der belastenden Pflegesituation immer wieder Atempausen einzulegen und neue Energie zu tanken, appellierte Fößel. Dabei kann es sehr hilfreich sein, „alte“ und „neue“ Rituale bewusst und achtsam auszuführen, sei es der Kaffee am Morgen, das gemeinsame Essen oder der Spaziergang. „Es darf mir gut gehen!“ kann die Überschrift über diese Atempausen sein.


Gleichzeitig empfiehlt sie die Nutzung von Alltagssituationen wie beispielsweise Wartezeiten, um selbst Entspannungs- oder Bewegungsübungen einzubauen. Als weitere hilfreiche Maßnahmen gelten laut Fößel Erfahrungsaustausch, Hilfe für den Familienalltag, das Teilen von Pflegeaufgaben und die Nutzung professioneller Unterstützungsangebote. Der Vortrag wurde durch zwei praktische Übungen ergänzt.

Gottfried Bindrim, Geschäftsführer der Sozialstation St. Josef stellte seinen Vortrag unter den Titel „Pflege – (k)eine Vollkasko?“. Die gesetzliche Pflegeversicherung wurde 1995 nach dem Prinzip der Teilkasko gegründet, die einen Zuschuss zu den Pflegekosten beiträgt. Aber zu viele Menschen denken und handeln nach ganz anderen Prinzipien. Statt Selbstverantwortung zu sehen, sind viele der Meinung, „Ich bin kranken- und pflegeversichert. Die Kranken- und Pflegeversicherung übernimmt alle Kosten der Pflege“. Der zu Pflegende hat die Wahl, sein ambulantes Pflegebudget als Sachleistung oder als Geldleistung zu erhalten. So erhält er beispielsweise im höchsten Pflegegrad 1.995,00 € zuzüglich 125,00 € Entlastungsbetrag als Pflegesachleistung.

Der Pflegegrad kann entweder direkt vom Pflegebedürftigen bei seiner Pflegeversicherung oder durch einen sogenannten Überleitungsantrag zum Abschluss eines stationären Aufenthalts in einem Krankenhaus oder einer Rehaklinik beantragt werden. Ärztliche Verordnungen werden von der jeweiligen Krankenkasse geprüft. Ist sie mit der Verordnung nicht einverstanden, lässt sie diese vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) nochmals prüfen und kann sie anschließend ablehnen. Wichtig ist, dass die Krankenkasse die Leistung nicht rückwirkend ablehnen kann, sondern frühestens ab Eingang des Bescheides. Für die Erstellung der Folgeverordnungen ist wiederum der behandelnde Arzt zuständig. Sämtliche Behandlungspflegen (z. B. Verbände, Injektionen, Spritzen, Medikamentengabe, Kompressionsverbände, Kompressionsstrümpfe anziehen, Blutzucker-Messung) müssen ausnahmslos vom behandelnden Arzt mit der Verordnung häuslicher Krankenpflege verordnet und von der Krankenkasse genehmigt werden.

Viele dieser Tätigkeiten, unter anderem der Wechsel eines Dauerkatheters werden laut Bindrim den Sozialstationen nicht ausreichend vergütet. Da tut es gut, dass Stadt und Landkreis Schweinfurt den ambulanten Pflegediensten, anders als andere Kommunen, noch die freiwillige Leistung „Investitionskosten“ bezahlen. Sollte dieser Zuschuss in Gänze wegfallen, werden die damit für die Sozialstation entfallenden Mehrkosten den Pflegebedürftigen in Rechnung gestellt.

Immer mehr Schwierigkeiten bereiten laut Bindrim auch überzogene Erwartungen von zu Pflegenden und Angehörigen. Da werden laut Bindrim kaum zu erfüllende Wünsche nach Pflege zu ganz bestimmten Tageszeiten, die Koordinierung von Arzt- oder Tagespflegebesuchen sowie eine nicht mögliche Häufigkeit von Besuchen durch den Pflegedienst formuliert. Verbreitet ist auch der Wunsch, das Leistungen erbracht, aber nicht berechnet werden. Der nicht ganz verständliche Grundsatz

„Pflege nach Budget“ ist ein weiteres Phänomen. Je nach Pflegegrad bzw. nach der entsprechenden Verordnung häuslicher Krankenpflege wird die Versorgung der Versicherten geleistet. Bei den meisten zu versorgenden Kunden wird jedoch nicht nach dem tatsächlichen Bedarf des Kunden gepflegt, sondern dieser entscheidet sich meist immer für die Variante, „auf keinen Fall den Pflegegrad in seiner Summe überschreiten und die Behandlungspflege wird nur benötigt solange die Krankenkasse die Kosten trägt“.

Trotz aller Widrigkeiten ist die ambulanten Pflege für sehr viele Angestellte eine sehr sinnerfüllende Tätigkeit. Die ambulante Pflege braucht Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit viel Empathie und einem großen Herz, denn Geld pflegt nicht. Und viele zu Pflegende und Angehörige sprechen in höchster Wertschätzung und Dankbarkeit von „ihren“ Pflegemitarbeiterinnen. Gottfried Bindrim rät zur privaten Vorsorge, die im Falle der Pflegebedürftigkeit die gesetzlichen Versicherungen ergänzt. Das muss man sich aber leisten können. Auch ist es wichtig, sich ein Netzwerk zu schaffen, damit man nicht alleine für die Pflege des Angehörigen zuständig ist. Das schafft auch notwendige Freiräume und Erholungsphasen. Der aufgekündigte Generationenvertag muss wieder in die Köpfe der Menschen und gelebt werden.

Die Pflegesituation wird auch erleichtert, wenn sich viele Menschen rechtzeitig mit der Situation auseinandersetzen und entsprechende Vollmachten erteilen würden, die dann im Ernstfall greifen.

Und der seit vielen Jahren versprochene Bürokratieabbau muss endlich angegangen werden. Aktuell arbeitet eine Pflegekraft in der ambulanten Pflege nur noch 50% ihrer Arbeitszeit am Kunden, der Rest ist mit Fahrtzeiten und bürokratischen Tätigkeiten ausgefüllt.

Diese Maßnahmen sind umso wichtiger, als wir mit dem sog. „Pflegenotstand“ erst am Anfang sind, meint Bindrim. Und der massive Einsatz ausländischer Pflegekräfte dürfte in der ambulanten Pflege auch nicht die Lösung des Problems sein. Vielen Sozialstationen bleibt bereits aktuell nichts Weiteres übrig, als wegen Personalmangels, hilfesuchende Menschen abzuweisen. Und hier stellte er ganz deutlich klar, der Rechtsanspruch auf Pflege besteht nicht gegenüber den Sozialstationen, dieser besteht gegenüber den Kranken- und Pflegekassen.

Im dritten Referat beschäftigte sich Gewerkschaftssekretärin Marietta Eder von ver.di mit den politischen Rahmenbedingungen der ambulanten Pflege. Besonderes Augenmerk richtete sie auf die immens problematische Entwicklung in der Ausbildung der Pflege. Die Quote der Abbrecher in der Pflegeausbildung beträgt pro Ausbildungsjahr 25%. Weitere 25% schaffen den Berufsabschluss nicht.

Äußerst bedenklich ist in diesem Zusammenhang auch, dass zwar ab Januar 2020 die generalistische Pflegeausbildung beginnt, es die Bayerische Staatsregierung aber bisher versäumt hat, entsprechende Ausbildungsordnungen erstellen zu lassen. Das macht deutlich, dass das Dilemma bereits in der Ausbildung beginnt und sich dann weiter fortsetzt. Ein wichtiger Ansatzpunkt zur Bekämpfung des Fachkräftemangels ist deshalb auch die Situation in der Ausbildung. Hier fehlen laut Eder vor allem freigestellte Praxisanleiterinnen und -anleiter. Eder ordnet den gesamten Bereich der Pflege der öffentlichen Daseinsvorsorge zu. In diesem Bereich haben börsenorientierte Unternehmen, deren Ziel Gewinnmaximierung ist, nichts verloren. Denn das geht in aller Regel zu Lasten der Beschäftigten.

Auf dem Foto von links nach rechts: Gottfried Bindrim, Marietta Eder, Anja Fößel, Elfriede Ment, Norbert Holzheid
Bild: Andreas Gehring, Stadt Schweinfurt



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