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Ehrenbürgerschaft von Willy Sachs ist demokratisch legitimiert – und er war auch kein „überzeugter Nazi“?


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SCHWEINFURT – Mit dem Historiker Dr. Thomas Horling aus Mainberg und dem Geisteswissenschaftler Dr. Daniel Schmitz haben zwei anerkannte Fachleute nun einen Brief an den Schweinfurter Stadtrat geschrieben, in dem es um Willy Sachs geht. Beide können belegen, dass dessen Ehrenbürgerschaft demokratisch legitimiert ist.

SW1.News liegt das schreiben im Original vor.


AOK - Keine Kompromisse

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Herren Fraktionsvorsitzende,


während die Aberkennung der Ehrenbürgerwürde von Willy Sachs und die Umbenennung des Stadions im Schweinfurter Stadtrat beschlossene Sache zu sein scheint, schlägt das Vorhaben in der Bevölkerung hohe Wellen, wie fast 900 Internet-Kommentare und 12 Leserbriefe innerhalb weniger Tage zeigen. Wir beschäftigen uns seit Jahren mit dem Thema, sind mit der einschlägigen Literatur, insbesondere den Büchern von Andreas Dornheim und Wilfried Rott, vertraut und möchten uns deshalb heute unmittelbar an Sie wenden.

Die zentrale Aussage in dem parteiübergreifend eingebrachten Antrag lautet: Willy Sachs sei unbestritten „überzeugter Nazi“ gewesen. Wir möchten dieser Einschätzung widersprechen, weil sie der Person Willy Sachs nicht gerecht wird.

Zunächst gehen wir davon aus, daß die Stadträte sich intensiv mit der Thematik beschäftigt haben. Umso überraschter lesen wir in dem Antrag, die Ehrenbürger-schaft sei demokratisch nicht legitimiert. Herr Rehberger erklärt, für die CSU sei dies mitentscheidend gewesen, den Antrag zu unterstützen. Die Stiftung des Stadions erfolgte zu Zeiten der NS-Diktatur im Jahr 1936. Fraglos wäre Willy Sachs für diese mäzenatische Großtat auch von jedem demokratisch gewählten Stadtrat die Ehrenbürgerwürde verliehen worden.

Dies zeigte sich in der Sitzung des Stadtrats am 2. Juli 1946, in der Hitler und andere Nazis einstimmig aus der Liste der Ehrenbürger gestrichen wurden. Im nichtöffentlichen Teil dieser Sitzung verzichtete der Stadtrat auf Vorschlag von OB Ignaz Schön explizit darauf, dies bei Willy Sachs ebenfalls zu tun, da die Verleihung „auf Grund einer Stiftung“ erfolgt sei (vgl. Rott S. 140). Man kann also sehr wohl davon sprechen, die Ehrenbürgerschaft von Willy Sachs sei nachträglich demokratisch legitimiert worden.

Weiterhin überzeugt der Antrag in seiner Argumentation nicht, weil er, statt Pro und Contra gegeneinander abzuwägen, vornehmlich anhand von Äußerlichkeiten ein-seitig und unreflektiert die zweifellos vorhandene Nähe von Sachs zu führenden NS-Protagonisten anprangert, ohne nach den Hintergründen und Umständen zu fragen. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, dies im Einzelnen zu belegen.

Zur Frage, ob Willy Sachs „überzeugter Nazi“ gewesen sei, möchten wir folgende Punkte anführen:

Willy Sachs hatte erwiesenermaßen immer wieder Kontakt zu Juden, er hat nachweislich eine Familie bei der Auswanderung unterstützt und sich von anderen vor deren Ausreise persönlich verabschiedet. Mit dem Titel eines „SS-Sturmbannführers“ war dieses Verhalten im Grunde unvereinbar.

In SS-Kreisen urteilte man entsprechend, Willy Sachs habe „von weltanschaulichen Fragen“ keine Ahnung und nehme auch sonst „einen unmöglichen Standpunkt“ ein (Rott, S. 178 unter Verweis auf Staatsarchiv München, Spruchkammerakte).

Nach Aussage eines Ost-Arbeiters hatte sich Willy Sachs einmal über das Essen im Lager informiert. Daraufhin „schimpfte [Sachs] mit dem Lagerführer und dem Küchenmeister. Von diesem Tag an wurde es mit der Verpflegung besser“ (Dornheim, S. 411).

Während der Internierung im Lager Ludwigsburg traf Sachs auf einen Schweinfurter Landsmann, der sich erstaunt zeigte, dass Sachs keine Lagerkleidung trug. Auf die Frage „Wie schaffen Sie das nur, Herrn Konsul?“, antwortete dieser: „Ach, die Amerikaner sind doch meine besten Freunde!“ (Rott S. 216, Bericht des Zeitzeugen Wohlfahrt).

Die Beispiele zeigen, daß die Charakterisierung „überzeugter Nazi“ hinterfragt werden muss. In jedem Fall sind die besonderen Umstände des Lebens in einem totalitären System zu berücksichtigen. Schließlich wurde Willy Sachs 1957 von Bundespräsident Theodor Heuß das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Die Ehrung belegt, dass sich das öffentliche Wirken von Willy Sachs nicht auf die zwölf Jahre im Nationalsozialismus reduzieren läßt und es auch Aspekte gibt, die als vorbildlich anerkannt sind.

Von der Stiftung des Stadions profitiert Schweinfurt bis heute. Die großzügige Anlage geht auf die individuelle Entscheidung von Willy Sachs zurück. Keine andere mittelgroße und nur wenige größere Kommunen verfügen über ein vergleichbares Stadion. Sachs zählt damit zu den großen Mäzenen in der Geschichte der Stadt.

Eine verantwortliche Erinnerungskultur verschweigt nichts. Wer aber die dunklen Flecken aus der Öffentlichkeit tilgt, setzt nach unserer Überzeugung langfristig die gesellschaftliche Akzeptanz für die aus der deutschen Vergangenheit resultierende Verantwortung, zu der wir uns nachdrücklich bekennen, aufs Spiel.

Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Schweinfurter Geschichte im Nationalsozialismus weist leider auch 75 Jahre nach Kriegsende noch viele weiße Flecken auf. Um die Zusammenhänge und Wertigkeiten besser verstehen und ein fundiertes Urteil fällen zu können, wäre es notwendig, auch die beiden anderen Großunternehmen sowie die Stadt insgesamt, ihre Verwaltung, Vereine und Verbände in den Blick zu nehmen.



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