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„Ein Schuss und was danach geschah“: Mike Muches tragische Erlebnisse laufen nochmals im Bayerischen Fernsehen


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Geldersheim – Etwas mehr als drei Jahre ist es her, als diverse Medien über Mike Muche berichteten, den Ex-Polizisten, der im Dienst einen Menschen erschoss, der seitdem nicht mehr in der Lage ist, seinen Beruf auszuüben. Und der das alles in einem Buch („Ich habe getötet!“) verabeitete. Nun bringt das Bayerische Fernsehen am Montag, den 19. März, um 22.30 Uhr im Rahmen der Sendung „Lebenslinien“ nochmals den 45-minütigen Beitrag über Muche. „Ein Schuss und was danach geschah“ heißt er.

Seit Januar 2009 hat sich einiges getan. Fast alle Medien berichteten über ihn: Stern, Süddeutsche, Spiegel, ZDF, ARD, ORF – um nur einige zu nennen. Und dann das Drama: Mike Muche erlitt im vorletzten Oktober einen Herzinfarkt, jetzt geht es ihm aber schon wieder etwas besser. Damit möglichst viele Menschen neugierig werden auf sein Buch und den anstehenden Fernsehbeitrag – hier noch mal seine Geschichte vom Spätwinter 2009 über seine Geschichte….


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Man sieht nicht, wie es ihm geht
Wie der Ex-Polizist Mike Muche mit einem Buch einen schrecklichen Vorfall aufarbeitete


(Februar 2009) Vor Mike Muches Haus steht ein schwarzer Alfa Romeo Spider. Ein 241 PS starker Sportwagen. So ein Auto drückt an sich Spaß an der Geschwindgkeit aus. Und Lebensfreude. Muche, der eigentlich Michael heißt, ist braun gebrannt, wirkt für seine 51 Jahre sportlich, durchtrainiert, attraktiv. Sowas wie einen Geschwindigkeitsrausch erlebt er auch zu Beginn des neuen Jahres. Er eilt. Von einem Termin zum anderen. Denn die Medien jagen förmlich den Mann aus dem Landkreis Schweinfurt. Kaum ein Magazin interessiert sich derzeit nicht für ihn. Neulich war er sogar in Wien. Bei Vera Russwurm. Deren Sendung im ORF brachte einen Beitrag, der im Wiener Kriminalmuseum gedreht wurde. „Hochinteressant“ findet das Muche. Bei der ganzen Hatz blieb ihm ansonsten leider wenig Zeit für Österreichs Hauptstadt. Gerade mal eine urige Kneipe besuchte Muche abends. „Das war wunderschön gemütlich“, sagt er und lacht dabei. So wie er schon vor der Abreise spaßen musste. „Ich bin mal gespannt, ob diese Vera wirklich so gut ausschaut wie im TV“, scherzte er da. Mike Muche ist kein Kostverächter. Zumindest war er das nicht in seinem früheren Leben.

Wer weiß, wie heute sein Alltag aussehen würde, wäre da nicht die Nacht zum 1. März 2004 gewesen. Vermutlich wäre Muche heute noch Polizeibeamter auf Streife. So wie damals, als er zu einem Einsatz unweit des Schweinfurter Friedhofs gerufen wird. Im Dachgeschoss gilt es einen Familienstreit zu klären. „Reine Routine“, denkt er mit seinen damals 46 Jahren. Eine scheinbare Alltagssituation nach rund 30 Jahren Dienst. Mann und Frau haben sich nicht mehr lieb. Es wird laut. Die Polizei muss schlichten. Mike Muche und sein Kollege Gustav mittendrin zu später Stunde. Als sie die Wohnung betreten, sitzt der Mann bereits am Boden. Gefahr gebannt? Mitnichten! Denn der Kerl, mit Spitzbart und fast einer Glatze, hebt seinen rechten Arm und hält Muche die Öffnung einer Schusswaffe vors Gesicht.

Was folgt, sind wohl nur wenige Sekunden, die dem Polizisten aber wie eine Ewigkeit vorkommen, die er später als Mischung aus „Erregung, Panik und Todesangst“ beschreibt. „Wie ein Blinder ohne Stock“ fühlt sich Muche, der aus Vergesslichkeit keine Schussweste trägt, im kleinen Raum nicht ausweichen kann. Tausend Gedanken gehen ihm durch den Kopf, weil der Mann auf keine Befehle reagiert, schließlich sogar aufsteht, auf ihn zuläuft. Noch immer mit Pistole auf ihn und seinen Kollegen gerichtet. „Todesangst, nie gekannt und in schärfster Form“, verspürt Muche. Schließlich fällt ein Schuss und Gustav um. Er geht davon aus, sein Kollege sei tot. Nochmals vergehen Sekunden, bis sich Muches Finger krümmt. Fünf Mal drückt er ab, trifft den Mann. Der stirbt später. Nicht jedoch Gustav, der selbst den Schuss auslöste, den Mann aber verfehlte. Was für eine Nacht.

Mike Muche erzählt immer wieder davon. Vielleicht nicht unbedingt gerne. Doch es tut ihm gut. Denn damit verarbeitet er den Vorfall. Notwehr war es, ermittelte die Staatsanwaltschaft. „Suicide by Cop“ heißt der Fachausdrück für das, was sich letztendlich ereignete. Das Opfer dürfte einen Selbstmord geplant haben, überließ die Tötung jedoch dem Polizisten. Die Schusswaffe des Mannes stellte sich letztlich als nicht erkennbare Schreckschussimitation heraus. Und der Mann, den Muche erschoss, war der Sohn und Bruder von Freunden, mit denen er kurz zuvor noch feierte. Sowas belastet. Und das nicht nur für ein paar Tage. Seit dem Vorfall ist nicht mehr so, wie es mal war. Muche versucht den Sprung zurück ins Berufsleben, geht sogar wieder auf Streife. „Das Herz bis zum Hals“ hört er schlagen, als er erstmals eine Waffe trägt. In einer vergleichbaren Situation kommt es später beinahe mit einem Unschuldigen zu einem neuerlichen Unglück. „Ich hatte nichts als Angst, wenn irgendwo Gewaltbereitschaft zu erkennen war. Beim Wort ´Familienstreit´ hätte ich schon aus dem Wagen hüpfen können. Ich muss leere Hände sehen, ich kann es nicht haben, wenn sie einer in der Tasche hat“, sagt er. Und: „Ein harmloser Gegenüber kann doch nichts für meine Vorgeschichte!“

Im Sommer 2007 muss Muche erkennen, dass es beruflich nicht mehr geht. Er wird vom Freistaat Bayern wegen Dienstunfähigkeit vorzeitig in den Ruhestand geschickt. Dazwischen liegen mehrere Klinikaufenthalte. Nur der letzte bringt Besserung. Mike Muche kann das Geschehene nicht recht verabeiten. „Ich bin nachts schweißgbadet aufgewacht, die Mündungen noch im Auge, bekam keine Luft, stand vor meinem Bett und wusste nicht, wie ich da hin kam. Das ging sehr, sehr lange“, sagt er. Zwischenzeitlich sei es besser, aber nicht gut. „Seit jener Nacht habe ich keine mehr durchgeschlafen. Wenn ich zwei oder drei Mal aufwache, dann ist es eine gute Nacht für mich. Früher konnte ich nicht einschlafen, bin ständig aufgewacht mit Angst und Panik.“ Der Sportwagen, der eigentlich für Spaß steht, symbolisiert bei Muche eher Ablenkung. „Der ehemalige Lebemensch von früher, der bin ich schon lange nicht mehr“, sagt er und zitiert die Überschrift eines Beitrags über ihn: „Der Mann mit den zwei Leben, das trifft es!“

Kettenraucher ist Mike Muche, 50 Stück am Tag sind bei ihm normal. „Mit dem Aufhören habe ich längst aufgehört“, sagt er mit einem Spaß auf den Lippen. „Ich habe Schlafstörungen, hatte Bluthochdruck und Magengeschüre, seit kurz vor Weihnachten Tinnitus. Jetzt pfeift es halt im Ohr. Doch damit kann ich leben, könnte 100 Jahre alt werden, so wie es momentan läuft.“ Man wird eben bescheidener. Muche spricht von einer Frau, die er bei einem seiner drei Klinikaufenthalte kennenlernte. Und vom leichten Trost, dass sie noch mehr zu leiden hat. Ihr Kind wurde ermordet. Was ist dagegen schon eine Tötung in Notwehr und die posttraumatischen Belastungsstörungen als Folgen.

Anfang diesen Jahres ist es, als Mike Muche das Wetter verdammt. Tiefster Winter. Nicht sein Ding. „Ich brauche noch nicht mal einen Herbst und einen Frühling“, sagt der 51-Jährige. Gerade beim hiesigen Schmuddelwetter zieht es ihn nach Ägypten. „Ich wll keine Pyramiden sehen, ich will mich nur erholen. Um mal abzuschalten vom Medienrummel. Ich will nur Strand, Sonne und Meer. Kein Fernsehen, Zeitungen und kein Buch… Brauche ich dringend“, erklärt er und schildert solch einen Tag in der Wärme. Organisiert muss er sein, so wie sein neues Leben in der Heimat. Waschen, kochen, Sport treiben, sich beschäftigen. Von einem Psychologen wird Mike Muche noch immer betreut. Und der rät ihm, rund um die Uhr aktiv zu sein, Struktur ins Leben zu bringen. Um bloß nicht zu viel nachzudenken. Seinen geliebten Squashsport hat er nach Jahren Pause wieder aufleben lassen, „weil ich lange Zeit nicht konnte und mich sehr zurückgezogen hatte“. Jetzt spielt er wieder regelmäßig, nahm neun Kilo ab, die er zuvor zulegte. Kummerspeck. Mit dem Bruder des Getöteten hat er sich aussprechen können, „er macht mir keine Vorwürfe“. Die Mutter hat ihm nicht verziehen. Einen sechseitigen Brief schrieb Muche beim letzten seiner Aufenthalte in verschiedenen Traumakliniken. Ohne Reaktion. „Gelesen hat sie ihn aber“, weiß er.

„Lebensbereicherin“ nennt Muche seine Freundin, mit der er seit sechseinhalb Jahren zusammenlebt, die in der schwersten Zeit zu ihm hielt. „Zuvor habe ich mein chaotisches Leben geliebt“, gibt er zu. Muche hat zwei gescheiterte Ehen hinter sich, macht sich Vorwürfe, was die Erziehung seiner zwei Töchter betrifft. „Ich war ein schlechter Vater und habe Vieles gemacht, für das ich mich schämen muss. Ich glaube zwar nicht unbedingt an Gott, aber an das Schicksal. Irgendwann bekommt jeder seine Sache zurück.“ Bei ihm war es der prägendste Einsatz seines Lebens. Zum Alkohol greift er danach nur vorübergehend, „weil zwei, drei Schoppen gegen Schlafstörungen auch keine Lösung sind“. Strahlemann Muche lässt seine Gedanken nicht nach außen dringen. „Ich bin kein Typ, der das Gesicht verzieht. Wie es in mir aussieht, wissen nicht mal meine Mutter und meine Kinder.“ Gedanken an Selbstmord hatte er damals „nur ganz oberflächlich. Ich habe sie sofort wieder verworfen“.

„Mir ging die Situation schon tausend Mal durch den Kopf. Und auch wenn ich die Todensangst letztlich umsonst hatte, so hätte ich doch schon eher schießen müssen“, sagt er heute. Die auf ihn vielleicht auch nur eine Minute gerichtete Waffe hätte sich dann womöglich nicht in sein eigenes Gehirn gemeißelt. Der viele Kaffee treibt die Gedanken daran heute auch nicht mehr heraus. Zwei Kater hat Muche bei sich aufgenommen. Sie vertragen sich nicht so recht. Dabei haben sie es so gut. Denn Mike Muche liebt seine Tiere. So wie er das Leben einst liebte und gerne wieder lieben würde. Neulich traf er nach längerer Zeit mal wieder seinen Freund Klaus. Der war im Jahr 2000 Trauzeuge bei Muches zweiter Eheschließung. Klaus wanderte mittlerweile aus, betreibt mit der Familie in Österreich ein Hüttendorf in den Bergen. Das läuft ohne Ende. „Für mich wäre das nichts. Ich brauche ein Land mit 30 Grad plus jeden Tag“, sagt er. Darum Ägypten. Bald wieder. „Man mag man schon denken können, es geht mir gut. Dem ist aber nicht so.“ Rechtfertigen für seinen Ruhestand will er sich nicht. „Weil ich mein Leid meinem Arzt mitteile, nicht aber nach außen trage. Gegen Neid musste ich jahrelang ankämpfen.“ Wenn Leute darüber klagen, dass er nichts mehr tun muss, Pension erhält.

„Ich habe getötet!“ Wer muss schon so einen schicksalhaften Satz aussprechen? Und noch dazu mit an sich reinem Gewissen. Für Mike Muche sind diese drei Worte eine Dauerbelastung. Und dennoch sind sie für ihn immer präsent. Mehr denn ja seit Anfang des neuen Jahres. Denn der Ex-Polizist hat für sich das Geschehene aufgearbeitet. Auf 191 Seiten in einem gleichnamigen Buch. Alleine geschrieben hat er es, ohne einen Lektor. Seit es erhältlich ist, am einfachsten über amazon.de, wachsen die Schlagzeilen über Mike Muche. Regional berichteten längst alle Medien. Die großen TV-Sender waren schon bei ihm, auch nahezu alle Nachrichtenmagazine. Demnächst soll er bei einer Live-Talkrunde im Fernsehen mitreden. „Wenn man darüber spricht, dann wühlt es immer wieder auf“, sagt Muche. Aber er spricht trotzdem. Oft und lange. Weil das hilft. Auch in der Selbsthilfegruppe, der er noch immer angehört. „Ich bin auf dem richtigen Weg, ganz sicher“, glaubt er.

Vor Weihnachten hat er mehrere bestellte Bücher in die alte Dienststelle gebracht, erfuhr von einem Kollegen, „deren Resonanz für mich wichtig ist“, dass dieser am Abend des letzten Länderspiels das Werk zur Hand nahm, es von Beginn bis zum Ende in einem Zug durchlas. „Er ist großer Fußballfan. Aber von Deutschland gegen England hat er keine Sekunde gesehen. Das ist für mich ein Kompliment.“ Überhaupt die Kollegen: Viele machen Mut. Muche trifft sie in Internetforen. www.net4cops.de oder www.cops-area.de sind Seiten „auf denen ich mich austauschen kann mit Leidensgenossen“. Plattformen wie www.polizei-poeten.de und das österreichische Gegenstück www.polizeicafe.at machen nicht nur Werbung für das Buch. „Sie ermöglichen es dem ´harten´ Polizisten, seine weiche, sensible, literarische Seite zu zeigen“, weiß Muche, und sie zeigen „den Menschen unter der Uniform, der Gedichte, Geschichten und sonstiges veröffentlicht“.

„Geht doch!“

Dieser Ausdruck ist ein stets wiederkehrender in seinem Buch. „Teilweise ist das ironisch gemeint. Aber es muss immer weiter gehen. Das ist meine Devise! Ich gebe nie meinen Optimismus auf. Wenn ich 60 bin „und ich es mir dann leisten kann“, dann will Mike Muche vielleicht dauerhaft sein neues Leben dorthin verlagern, „wo es immer warm ist“. Auch im hierzulande kalten Winter, wo sich derzeit in seinem Wohnort Geldersheim die Medien förmlich die Klinke in die Hand geben. Denn das, was am 1. März 2004 passierte, bewegt längst nicht nur mehr ausschließlich den 51-jährigen Ex-Polizisten. Zuletzt bewegte es auch Vera Russwurm. „Die schaut mit ihren 49 Jahren live sogar noch besser aus als im TV“, sagt Mike Muche. Und grinst dabei wie ein Lebemann, der er aber schon lange nicht mehr ist.



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