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Eine Loge im Welttheater: Interieurbilder des 19. Jahrhunderts aus der Graphischen Sammlung des Museums Georg Schäfer


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SCHWEINFURT – Das Museums Georg Schäfer zeigt vom 20. Januar bis 14. April 2013 Interieurbilder des 19. Jahrhunderts aus der Graphischen Sammlung. Die Ausstellung trägt den Titel „Eine Loge im Welttheater“. Die Sammlung des Museums Georg Schäfer zählt eine größere Zahl von Innenraumbildern zu ihrem Bestand. Die schönsten von ihnen sind nun zu einer Ausstellung versammelt, die sich mit dem Wohnen und der Interieurdarstellung im 19. Jahrhundert befasst, in einer Zeit, die der Philosoph Walter Benjamin als geradezu „wohnsüchtig“ bezeichnete.

Die Ausstellung präsentiert etwa 65 Exponate, vorwiegend Arbeiten auf Papier (Aquarelle, Gouachen, Bleistift-, Kohle- und Kreidezeichnungen) aus der Graphischen Sammlung des Museums Georg Schäfer sowie ergänzend Leihgaben aus dem Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg, den Museen und Galerien, Schweinfurt (Sammlung Dr. Rüdiger Rückert), sowie aus dem Museum Otto Schäfer, Schweinfurt.

Die Zeitspanne reicht über etwa 100 Jahre hinweg von 1800 bis 1910. Zu den vertretenen Künstlern zählen u. a.: Eduard Gaertner, Carl Graeb, Wilhelm Gail, Rudolf von Alt, Carl Spitzweg, Eduard Grützner, Adolph Menzel, Max Klinger, Wilhelm Leibl, Max Liebermann und Lesser Ury.


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Die ausgestellten Werke erlauben dem Besucher Blicke in verschiedenste Lebenswelten des 19. Jahrhunderts: in repräsentative und intime Räume des Adels,  bürgerliche Wohnzimmer und Bauernstuben. Sie zeigen die mannigfaltigen Aufgaben des Interieurs: als Erinnerungsbild, als Teil der Repräsentation und Selbstdarstellung, als Alltags-, Milieu- und Stimmungsschilderung und nicht zuletzt als Spiegel seiner Bewohner. Schon im „Journal des Luxus und der Moden“ hieß es um 1800: „Man kann die Charakteristik eines Menschen leichter finden, wenn man den Ort sieht, wo er gewöhnlich lebt“. Es sei denn, die Innenausstattung diente als Maskerade. Hiervor warnte Goethe.





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Mit teils erstaunlicher Akribie im Hinblick auf die Details der Architektur und Ausstattung, perspektivisch exakt, aber auch atmosphärisch lebendig, schilderten  Künstler Säle, Salons, Kirchenräume, Stuben und Kammern – teils still und verlassen, teils samt ihren Bewohnern und Besuchern. Im Blick ins Innere offenbaren sich dabei immer auch zeitgenössischer Geschmack, Mode, Lebensstandard, Intimität und Öffentlichkeit, Prunksucht und Bescheidenheit, Sehnsüchte nach Zufluchts- und Rückzugsmöglichkeiten.

Walter Benjamin schrieb über den Innenraum des Bürgers: „Das Interieur stellt für den Privatmann das Universum dar. In ihm versammelt er die Ferne und die Vergangenheit. Sein Salon ist eine Loge im Welttheater.“

Der Philosoph Walter Benjamin (1892-1940) fand für den Salon des Bürgers ein schönes Bild. Er schrieb: „Der Privatmann, der im Kontor der Realität Rechnung trägt, verlangt vom Interieur in seinen Illusionen unterhalten zu werden. [.. Das Interieur] stellt für den Privatmann das Universum dar. In ihm versammelt er die Ferne und die Vergangenheit. Sein Salon ist eine Loge im Welttheater.“ Von diesem sicheren Ort aus beobachtete der Bürger die Welt, erlaubte aber auch dosierte Einblicke von außen. Hier hinterließ er durch die Wahl der Einrichtungsgegenstände eigene Spuren. Hier zeigte er seinen Geschmack, seinen Wohlstand, seine Leidenschaften. Dies konnte aber auch so weit gehen, dass sich ein Besucher als ungewollter Eindringling fühlen musste.

Die Interieurdarstellung erlebte zwischen 1770 und 1850 eine Blütezeit, nachdem sie in der Gattungshierarchie der bildenden Künste lange am unteren Ende rangiert hatte, da der Künstler hier lediglich die Realität wiederzugeben schien. Die Meisterwerke dieses Genres verbinden jedoch äußerst gekonnt Architekturzeich-nung, Perspektive, Räumlichkeit, Lichtspiel und Menschendarstellung, Stillleben, Atmosphäre sowie soziale und zum Teil moralische Inhalte. Das in Holland eigenständig gewordene Genre erfuhr nach der Französischen Revolution auch in anderen Ländern ein Aufleben, getragen vom Stolz des aufstrebenden Bürgertums.

Die Ausstellung setzt sammlungsbedingt in den 1830er Jahren an. Die Jahre zwischen dem Wiener Kongress 1815 und der bürgerlichen Revolution 1848 werden allgemein unter dem Begriff Biedermeier erfasst und mit Schlagwörtern wie dem „Rückzug ins Private“ charakterisiert. Bürgerhaus und Familie waren in der Tat wesentliche Bezugspunkte dieser Zeit. Sie erfüllten wichtige soziale und kulturelle Aufgaben, die später zunehmend ausgelagert wurden, etwa in den Bereichen Erziehung, Ausbildung, Kranken- und Altersversorgung.

Eine spezifische Ausprägung des Interieurs in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist das Zimmerbild. Die Sammlung des Museums Georg Schäfer besitzt Arbeiten einiger namhafter biedermeierlicher Architekturmaler wie Eduard Gaertner, Johann Heinrich Hintze, Friedrich Wilhelm Klose und Carl Graeb.

Das Zimmerbild zeigt den akribisch auf die Bildfläche übertragenen Innenraum meist ohne Staffage. Es diente der privaten Erinnerung, der Dokumentation und dem Geschenk. Anlass für ein Zimmerbild war oft eine Umbruchsituation im Leben, etwa ein Umzug, ein Todesfall oder wenn eines der Kinder das Elternhaus verließ. Es war ein festgehaltener Moment im stetigen Fortschreiten der Zeit. Heute sind solche Bilder einzigartige Dokumente für den oft nicht mehr erhaltenen Zustand von Räumen, zum Beispiel im Berliner Stadtschloss, das nach dem Zweiten Weltkrieg abgerissen wurde.

Der Wunsch nach bildlicher Dokumentation der eigenen Wohnung fand bald auch innerhalb des Bürgertums Verbreitung (s. den Salon der Balletttänzerin Fanny Elßler). Die Blütezeit der Zimmerbilder reichte im deutschsprachigen Raum bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts – bis sie durch die Photographie ersetzt wurde.

Das Heim war das Refugium der Familie, umsorgt von der Hausfrau. 1806 erklärte der Schriftsteller und Ratgeber Johann Friedrich Netto zur häuslichen Rollenverteilung: „Wenn der Mann, der Familienvater, dem Wohle des Staates seine Zeit, seine edelsten Menschenkräfte widmet, und außer dem friedlichen Hause im Getümmel der großen Welt seine Kräfte anstrengt (…) und täglich (…) froh oder traurig erschöpft in den Zirkel der Seinen heimkehrt: dann ist das kleine Haus, die friedliche Hütte der Raum, in welchem die liebende, sorgende Gattin ihre Kräfte übt, bildet, ermüdet (…).“ Netto war der Verfasser hilfreicher Anleitungen wie der Toiletten-Geschenke (1805-1807), die junge Damen über diverse häusliche Probleme, wie das Binden von Blumensträußchen, Gardinendekoration, selbstständiges Färben, Pflege von Porzellan, Glas und Silber, den Schutz von Kupferstichen oder die Verzierung von Ofenschirmen, informierten. Etwa ein halbes Jahrhundert später wurde Henriette Davidis (1801-1876) für ähnliche Hilfestellungen bekannt. Zeichnungen aus den Jahren um 1810 von Georg Ludwig Vogel und Vincenz Georg Kininger zeigen das idyllische Heim in idealisierter Form, den Zusammenhalt der Familie und die Gewandtheit der jungen Damen in diesem Reich.

Seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich eine neue Wohnkultur, die von einem anspruchsvollen Einrichtungsstil begleitet wurde. Das biedermeierliche Interieur zeichnet sich durch klare, zum Teil von der Natur inspirierte, abstrahierte Formen, leuchtende Farben, den Verzicht auf überflüssiges Dekor, Harmonie, Ordnung und Qualität aus. Das Wohnen veränderte sich jedoch in der folgenden Zeit: Historische Stile wie der neugotische oder auch ein Stilmix begannen sich Bahn zu brechen. Man entfernte sich von einem einheitlichen Wohngeschmack. Die Interieurs des Biedermeier wurden nach und nach durch serielle Möbel abgelöst. Die Vielfalt der möglichen Stile gab jedem das Gefühl, stärker als zuvor individuellen Vorlieben nachgehen zu können und sich somit ein noch persönlicheres Reich zu erschaffen. Buntere und stärker gemusterte Tapeten, Teppiche und Vorhänge, geschwungene Möbelformen, Plüsch, schnörkelreiche Ornamente, dunklere Farben, schwere Stoffe wurden modern. Anders als in Ratgebern und Magazinen empfohlen, vermischten sich in der bürgerlichen und adligen Wohnrealität die Stile. Diese Tendenz lässt sich bereits in der Ansicht des Grünen Zimmers im Berliner Schloss, dem Wohnzimmer des Prinzen Wilhelm und der Prinzessin Marianne, erkennen, denn auch hier vermischen sich ältere Stücke, neue Möbel im Stil des Zweiten Rokoko, Rokokokandelaber, Schinkelschreibtisch usw. Plüsch, Historismus und Exotismus vereinten sich besonders eindrucksvoll in den sogenannten Makart-Interieurs, die z. B. Rudolf von Alt fixierte.

Kircheninterieurs
Ein Kapitel der Ausstellung ist dem Kircheninterieur gewidmet, den christlichen „Herbergen im Welttheater“. In den ausgestellten Zeichnungen verbinden sich Nostalgie und Dokumentationswunsch mit Tendenzen zur Idealisierung und Stimmungsschilderung.
Häufig waren es Architektur-, Veduten- und Theatermaler, die sich mit dem Kircheninterieur auseinander setzten, oft im Auftrag von Fürsten, Städten oder Vereinen, ausgehend von dem Interesse an der Vergangenheit und dem Wunsch, die kulturellen Denkmäler des Landes bildlich festzuhalten und durch sie auf die Kultur und Bedeutung einer Region aufmerksam zu machen. Heimische Denkmäler wurden auf diese Weise Teil einer kulturellen Bestandsaufnahme, auf Reisen gesammelte Bilder Teil einer allmählichen bildlichen Aneignung der Welt.
Die atmosphärische Schilderung findet in den Werken Adolph Menzels Höhepunkte Menzel blieb bei seinen Kirchendarstellungen ein distanzierter Beobachter, der sich den optischen, nicht den mystischen Reizen hingab. Das Licht auf Wänden oder liturgischen Geräten, Strukturen, Stofflichkeit, Kontraste – auch das Überdauernde der Kirchenarchitektur im Gegensatz zur menschlichen Vergänglichkeit – sind Themen seiner Bilder.

Das Interieur der Realisten. Stehplätze
Die Wohnungen der Armen waren keine sich anschmiegenden Etuis; sie waren zweckmäßig. Eine Trennung von Wohnen und Arbeiten und eine Differenzierung der Räume nach Funktionen gab es kaum. Das Heim der Armen erschuf keine Illusionen und gerade diese Wahrhaftigkeit interessierte die Künstler.
Die hier gezeigten Werke eint der Wunsch zum ungeschönten Abbilden der ländlichen Alltagswelt. Spitzwegs frühe Zeichnung einer Bauernstube mit Kachelofen diente der Übung des Künstlers und seiner Motivsammlung. Sie ist ein Zeugnis der von ihm und den Künstlerfreunden eifrig betriebenen Erkundungen des Landlebens auf Studienausflügen.
Die vor Ort gezeichneten Skizzen und Studien sind sachliche Bestandsaufnahmen des Gesehenen, meist ohne anekdotische, idyllisierende oder verklärende Zutaten, wie sie häufig in späteren Ausführungen beigefügt wurden. Die ausgestellten Arbeiten von Spitzweg, Grützner, Adam und Keitel zeigen Küche, Schmiede und Stall oder auch die noch für einfache Verhältnisse typische Verknüpfung von Funktionen in einem Raum, etwa Kochen und Schlafen. Dabei geht es fast immer um die Fixierung des Raumes ohne seine Bewohner. Auch deren persönliche Spuren sind kaum oder gar nicht vorhanden (anders als in den adligen und bürgerlichen Zimmerbildern). Die Darstellungen lassen somit nicht auf die Menschen, die in ihnen wohnen, schließen, sondern konzentrieren sich auf die Schilderung der allgemeinen Lebensumstände.
Noch systematischer machten die Künstler des Impressionismus und Naturalismus das Interieur zum malerischen Ereignis aus Licht und Schatten.

Das Interieur als Bühne. Interieur und Genre
Im Zusammenspiel mit Porträt, Alltagsschilderung, literarischen, historischen und biblischen Szenen, Stillleben oder Karikatur war das Interieur schon lange vor dem 19. Jahrhundert Bühne oder Kulisse. Einige Beispiele sind daher auch in der Ausstellung vertreten. Der Raum und seine Einrichtung dienten häufig der atmosphärischen Untermalung, boten Requisiten zur Handlung und Platz für Verweise und Anspielungen. Sie unterstützten gemeinsam mit den Kostümen die zeitliche Einordnung, legten kompositorische Linien fest und sind somit wesentlicher ästhetischer und inhaltlicher Bestandteil des Bildes.
Künstler des 19. Jahrhunderts griffen zum Teil auf Vorbilder des 17. Jahrhunderts zurück, als das im Interieur beheimatete Sittenbild in Holland eine Blütezeit erlebte.

Zuschauer oder Akteur. Intimität und Öffentlichkeit
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Alltag in den sich ausdehnenden, von der Industrialisierung geprägten Städten immer unruhiger und hektischer. Wohin konnte man ausweichen? – Ins Kaffeehaus. Lesser Urys Café-Interieurs zeigen diese Art des Rückzugs an einen öffentlichen Ort. Im Café vermischten sich Privatsphäre und Öffentlichkeit. Im Café war der Mensch, obwohl er sich an einem öffentlichen Ort befand, nur noch minimal Akteur des öffentlichen Lebens, dafür aber umso mehr Zuschauer. Hier konnte er öffentlich schweigen und beobachten. Das Schweigen in der Öffentlichkeit war nicht nur Rückzug aus dem Arbeitsalltag, sondern auch ein Rückzug aus der Intimität des Heims und den Verantwortungen und Verpflichtungen als Familienmitglied. So ist das Kaffeehaus gleichzeitig Bühne und Loge und erlebte nicht zufällig seine Blütezeit Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog (15,00 €).

Veranstaltungen

Sa., 26.1.2013, 16-19 Uhr
Jazz mit Jochen Polatzky
Piano, Saxophon und Gesang

Do., 7.2.2013, 18 Uhr
in petto spezial: Hoheiten privat. Interieurs aus dem Berliner Stadtschloss mit Dr. Karin Rhein

So., 24.2.2013, 15 Uhr
Zu Besuch bei der Prinzessin im Schloss
Workshop für Kinder mit Christine Friedrich-Weiß

So., 3.3.2013, 15 Uhr
„Jetzt fängts schon an, fein bei mir zu werden“
Texte zum Wohnen von J. W. von Goethe, E. T. A. Hoffmann, A. Stifter, Th. Fontane, G. Keller u. a. mit Dr. Karin Rhein
(Um Anmeldung wird gebeten unter: 09721-51 4825/4830)

Do., 21.3.2013, 19 Uhr
Themenführung  Zimmerportraits mit Birgit Höhl

So., 14.4.2013, 15 Uhr
Abschluss-Führung mit Dr. Karin Rhein

Die Ausstellung wird Dienstag bis Sonntag jeweils von 10 bis 17 Uhr zu sehen sein. Öffnungszeit am Donnerstag stets bis 21 Uhr.

Mehr unter museumgeorgschaefer.de







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