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Überraschende Kehrtwende: Bleibt es nun doch beim Namen „Willy-Sachs-Stadion“?


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SCHWEINFURT – 2020 gab es ja einen fraktionsübergreifenden Antrag, Willy Sachs die Ehrenbürgerwürde abzuerkennen und das von ihm finanzierte und nach ihm benannte Stadion in zumindest „Sachs Stadion“ umzubenennen. „Der Willy muss weg“, lautete die Forderung.

Seitdem wurde viel diskutiert – und nun kommt das Thema nächsten Dienstagnachmittag auf die Tagesordnung im Schweinfurter Stadtrat, der im Konferenzzentrum auf der Maininsel tagt. Mit dem etwas überraschenden Beschlussvorschlag: Sachs soll Ehrenbürger bleiben, das Stadion seinen „Willy“ behalten.




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Hier große Teile der Beschlussvorlage der Stadtverwaltung:

I. Die öffentliche Diskussion um Willy Sachs seit den 1980er Jahren:

Ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit wurde die Rolle von F & S und Willy Sachs im Dritten Reich seit Mitte der 1980er Jahre erstmals durch die Veröffentlichung „Nach dem Krieg war keiner Nazi gewesen …“ (1. Aufl. 1984) des Arbeitskreises Faschismus der DGB-Jugend Schweinfurt gerückt. Eine öffentliche Diskussion um die Benennung des Willy-Sachs-Stadions entstand im Jahre 2001 aufgrund der Veröffentlichung von Werner Skrentny „Das große Buch der deutschen Fußballstadien“ (Göttingen 2001). Skrentny präsentierte darin mit vielen Details die Verstrickung Willy Sachs´ in das NS-Regime unter dem Titel „Willy-SachsStadion – dieser Name muss nicht sein!“ (S. 316-317). Das für den 20. Juli 2001 angesetzte Freundschaftsspiel des israelischen Fußballmeisters Maccabi Haifa gegen den FC 05 im Willy-Sachs-Stadion wurde nicht zuletzt durch einen Artikel im „Spiegel“ (16.07.2001: „Nazi als Namensgeber“) zum nicht nur lokalen Politikum mit vielen Äußerungen – von Lokalpolitikern, Bürgern und Initiative gegen das Vergessen. Eine offizielle Stellungnahme der Stadt erfolgte nicht. Im breiten Umfang wurde das Thema erneut 2005 diskutiert nach dem Erscheinen des Buches von Wilfried Rott „Sachs. Unternehmer, Playboys, Millionäre. Eine Geschichte von Vätern und Söhnen“ (München 2005) in dem auf ca. 150 Seiten ausführlich auf die Rolle von Willy Sachs eingegangen wird. Im folgendem Jahr 2006 wurde die Debatte durch einen großen Artikel in der SZ wiedereröffnet, der das Buch von Rott zum Anlass nahm: „Ein Firmengründer, ein SS-Obersturmbannführer und ein Lebemann. Die
Schweinfurter Sachs-Saga“ (SZ, 28.01.2006). Im Zusammenhang mit der damaligen Fußball-WM wurde die Debatte im Sommer 2006 wieder breit und öffentlich geführt. Im Bau- und Umweltausschuss vom 1. Juni 2006 befasste sich der Stadtrat erstmals unter Tagungsordnungspunkt 4 „Informationen der Verwaltung“ mit der Frage der Aberkennung der Ehrenbürgerschaft. Das Protokoll führt dazu aus: „Stadtratsmitglied Cramer kritisiert einen Artikel über das Willy-Sachs-Stadion in der Süddeutschen Zeitung. Eine Woche vor Beginn der Weltmeisterschaft setzt sich der Autor mit der Vergangenheit des nach Willy Sachs benannten Stadions auseinander und fordert die Aberkennung der Ehrenbürgerschaft. Hier handelt es sich um reinen Populismus, dem die Stadt Schweinfurt mit einem Widerspruch begegnen sollte. Oberbürgermeisterin Grieser erklärt, dass die Stadt zu diesem Artikel keine Stellungnahme abgeben wird.“ Im Jahre 2013 führte eine Anfrage des Bayerischen Fußball-Verbandes (Schreiben vom 15.02.2013 an OB Remelé) in der Angelegenheit der Stadionumbenennung offensichtlich wiederum zu keiner Stellungnahme der Stadt. Seit dem Erscheinen der offiziellen Sachs-Firmengeschichte von Andreas Dornheim („Sachs – Mobilität und Motorisierung. Eine Unternehmensgeschichte“, Hamburg 2015) reißt die Debatte nicht mehr ab. Dornheim analysiert in Kapitel 4 und 5 „IV. Nationalsozialist aus Überzeugung – Willy Sachs, V. Nicht nur Goldene Jahre im Dritten Reich“ Person- und Firmengeschichte auf breitester Quellengrundlage. In der Festschrift zum 100jährigen Jubiläum der ZF Friedrichshafen (Stephan Paetrow „Bewegte Geschichte. Die ZF Friedrichshafen AG. 1915 bis 2015“, Hamburg 2015) und in der anlässlich des Firmenjubiläums eröffneten Ausstellung auf dem Firmengelände wird die Zeit des Dritten Reiches ebenfalls kritisch thematisiert.

II. Der fraktionsübergreifende Antrag vom 9. November 2020 und seine Unterstützer:

„Der Stadtrat beschließt:
1. Die Streichung Willy Sachs‘ von der Ehrenbürgerliste.
2. Die Umbenennung des Willy-Sachs-Stadions in ,,Sachs-Stadion“, um an das positive, zum Teil auch widersprüchliche Wirken der Familie und an die Tausende von Beschäftigten, die die Produkte und den Reichtum des Unternehmens erst ermöglichten, zu erinnern.
3. Am Stadion wird eine Hinweistafel aufgestellt, um die Öffentlichkeit über die Gründe der Umbenennung zu informieren.

Begründung:
Willy Sachs ist kein Vorbild! Er war unbestritten ein überzeugter Nationalsozialist, der bereits 1933 der SA, kurze Zeit später der SS beitrat. Er unterstützte offen die Ziele des faschistischen Regimes und machte sich mit hohen NSDAP-Funktionären wie Hermann Göring, Reinhard Heydrich und Heinrich Himmler gemein. Tausende Zwangsarbeiter wurden während der NaziDiktatur bei Sachs unter seiner Ägide beschäftigt. Er war kein Mitläufer. Er war eindeutig Täter. Die Ehrenbürgerschaft beschloss 1936 ein nicht demokratisch gewählter Stadtrat – ein Aspekt mehr, der seine Ehrenbürgerschaft mehr als zweifelhaft erscheinen lässt, obgleich er der Spender des Stadions ist. Viele deutsche Städte haben die Widerrufung der Ehrenbürgerwürde von Nazi-Größen bereits vorangetrieben. Auch Schweinfurt sollte mit seiner Geschichte verantwortungsvoll umgehen und Willy Sachs, obwohl er Spender des Stadions war, als das sehen, was er war: ein „Nationalsozialist aus Überzeugung“ (Andreas Dornheim, Mobilität und Motorisierung. Eine Unternehmensgeschichte. Hoffmann und Campe, Hamburg 2015. S. 209) der dem menschen-verachtenden und verbrecherischen Regime zur Verfügung stand und von ihm profitierte.ln der Reihe der verdienstvollen Ehrenbürgerinnen und Ehrenbürger der Stadt Schweinfurt darf kein Nazi stehen. Er sollte deshalb von der Liste gestrichen werden.“

Unterstützt wurde der Antrag durch eine von 125 Unterzeichnern finanzierte Annonce der Initiative gegen das Vergessen im Schweinfurter Tagblatt vom 21. November 2020 „Willy Sachs von der Liste der Ehrenbürger streichen und Umbenennung des Willy-SachsStadions!“ In zwei Schreiben an Oberbürgermeister Sebastian Remelé führten Stadtrat Peter Hofmann (30.11.2020?) und die Initiative gegen das Vergessen (auch an Stadtrat und Stadtarchivar, 22.12.2020), die aus ihrer Sicht wichtigsten Punkte weiter aus. Während Peter Hofmann die einzelnen Fakten zum Verhalten von Willy Sachs in der Zeit des Nationalsozialismus (aus dem Buch von Dornheim) zusammenstellt, verorten die Mitglieder der Initiative Willy Sachs als überzeugten Nazi und Verantwortlichen und Täter im nationalsozialistischen Unrechtsstaat. Zwölf Jahre Anbiederung an die Führungselite der Nazis, Erfüllung ihres Willens, Verherrlichung der Kriegsmaschinerie und der Nazis mit Propagandareden sogar im Werk, Profit durch Rüstungsaufträge und Zwangsarbeit, Blindheit für den Unrechtsstaat. “All das sind Bausteine, die das Unrechtssystem salonfähig gemacht und verharmlost, ja dieses verbrecherische System erst ermöglicht haben.“ Sachs hat durch sein „opportunistisches, willfähriges Verhalten dazu beigetragen, dass die Nationalsozialisten stark wurden – und dass die Stadt Schweinfurt fast völlig ausgelöscht wurde.“ Auch das keinesfalls ehrenwerte Verhalten Willy Sachs‘ als Privatmann muss gewürdigt werden. „Auch das spielt eine Rolle und manifestiert: Willy Sachs ist als Ehrenbürger ungeeignet, er taugt nicht als Vorbild.“

III. Diskussion:

In den lokalen Medien gab es vor allem im November Diskussionen. Besonders intensiv haben sich die bayerischen Grünen mit der Thematik auseinandergesetzt. In einer von der Landesarbeitsgemeinschaft Sport initiierten OnlineDiskussion unter Teilnahme von Abgeordneten (Gabriele Triebel, MdL, Sprecherin für Erinnerungskultur; Erhard Grundl, MdB, Mitglied des Sportausschusses und des Ausschusses für Kultur und Medien) fanden die Argumente der Initiative gegen das Vergessen breite Zustimmung. (Pressemitteilung 13.01.2021; ST 26.01.2021) Damit erreichte die Diskussion die Landes- und bundespolitische Ebene. Im Gegensatz zu den zustimmenden Äußerungen zum fraktionsübergreifenden Antrag zeigen veröffentlichte Leserbriefe ein völlig anderes Bild. Von rund 40 Äußerungen stimmen dem Antrag nur knapp 10% zu. 90%, darunter auch sehr emotionale und teilweise polemische Äußerungen, lehnen den Antrag ab. Als Beispiel sei hier im Auszug der Leserbrief von Dr. Thomas Horling zitiert, in dem viele der Argumente pro Willy Sachs aufgeführt sind:„Grund für die Verleihung der Ehrenbürgerschaft an Willy Sachs war nicht seine politische Einstellung, sondern einzigartiges Mäzenatentum: die Stiftung des Stadions. In dieser Rolle taugt Willy Sachs auch heute noch als Vorbild. Sachs handelte aus Verbundenheit mit der Stadt und dem FC 05 […] Zu Lebzeiten genoss Willy Sachs in Schweinfurt vor allem aufgrund seiner oftmals spontanen Großzügigkeit große Popularität. […] Wer Willy Sachs auf politische Äußerungen und seine Beziehungen zu den Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft reduziert, spricht ihm auf diesem Gebiet eine Bedeutung zu, die er zeitlebens nicht hatte. Die persönlichen Kontakte zu Göring, Himmler und Heydrich mögen aus lokaler Perspektive bedeutsam erscheinen. In den maßgeblichen Biografien dieser drei Nazis spielt der Name Sachs keine Rolle […] Der „SS-Obersturmbannführer“ war ein Ehrentitel mit dem keine „Karriere“ im eigentlichen Sinne verbunden war. […] An Verbrechen war er nicht beteiligt. Zweifellos ist das Verhalten des Konsuls aus Sicht der Nachgeborenen in vielen Punkten kritikwürdig, doch nach allem, was über Willy Sachs bekannt ist, macht sein Verhalten in der NS-Zeit eine Aberkennung der Ehrenbürgerschaft nicht zwingend notwendig. Vor allem existiert der Grund für ihre Verleihung, das Stadion, bis heute. Heute fällt es leicht, sich vom Nationalsozialismus zu distanzieren. […] Der Lebenslauf von Willy Sachs nach 1933 steht für einen Irrweg der deutschen Geschichte. Ein Einzelfall ist er sicher nicht. Gleichwohl ist er ein Ehrenbürger, dessen Verdienste um Schweinfurt unbestritten sind. Im Sinne einer verantwortungsvollen Erinnerungskultur wäre es ein Stück Ehrlichkeit, seinen Namen nicht aus der Öffentlichkeit zu tilgen.“ (Dr. Thomas Horling)In einem gemeinsamen Schreiben von Dr. Thomas Horling und Dr. Daniel Schmitz an Oberbürgermeister Remelé und die Fraktionsvorsitzenden von CSU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen, Freie Wähler vom 23. November 2020 weisen beide die zentrale Aussage des Antrages, Willy Sachs sei „überzeugter Nazi“ gewesen, zurück. Sie weisen auch darauf hin, dass die Verleihung der Ehrenbürgerschaft sehr wohl 1946 nachträglich demokratisch legitimiert worden sei.

IV. Stadtratsbeschlüsse zum Ehrenbürgerrecht 1936 und 1946:

Die Verleihung des Ehrenbürgerrechts an Willy Sachs erfolgte durch den Oberbürgermeister Ludwig Pösl am 23. Juli 1936. Das nach der Gemeindeordnung von 1935 bestellte Gremium der Ratsherren hatte nur beratende, keine beschließende Funktion. Die notwendige Einholung der Zustimmung des Beauftragten der NSDAP, Gauinspektor Fritz Conrad erfolgte am 7. Juli 1936.Auszug aus der Niederschrift über die Beratungen mit den Ratsherren und die Entschließungen des Oberbürgermeisters in der außerordentlichen Sitzung am 20. Juli

1936:
„1. Verleihung des Ehrenbürgerrechts. (Geh. Sitzung)Nach Beratung mit den Gemeinderäten in der ausserordentlichen Sitzung vom Heutigen ergeht folgende Entschließung: Gemäss § 21 DGO. Verleihe ich dem Herrn Kgl. Schwedischen Konsul Willi Sachs anlässlich dessen 41. Geburtstages am 23. Juli 1936 in dankbarer Anerkennung seiner ausserordentlichen Verdienste um die Stadt Schweinfurt das Ehrenbürgerrecht der Stadt Schweinfurt.“ Der erste, demokratisch gewählte Stadtrat der Nachkriegszeit befasste sich am 2. Juli 1946 mit der Frage der Streichung der im Dritten Reich ernannten Ehrenbürger aus der Liste der Ehrenbürger.

Auszug aus der Niederschrift über die Beschlüsse des Stadtrates in der Sitzung am 2. Juli 1946:

„5. Ehrenbürger
„Der Vorsitzende stellte den Antrag die während der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ernannten Ehrenbürger innerhalb der Stadt Schweinfurt Adolf Hitler, Dr. Otto Hellmuth, Franz von Epp, aus der Liste der Ehrenbürger zu streichen. Dem Antrag wurde einstimmig zugestimmt.“

„8. Ehrenbürgerrecht (Geh. Sitzung)
Oberbürgermeister Dr. Schön führte aus, dass die in der öffentlichen Sitzung beantragten Streichungen aus der Liste der Ehrenbürger aus politischen Gründen erfolgten. Die Verleihung des Ehrenbürgerrechts an Fabrikbesitzer Willy Sachs erfolgte auf Grund einer Stiftung. Von einer Streichung aus der Liste der Ehrenbürger ersuchte er daher bei Sachs zunächst abzusehen. Sollten sich durch Klärung der politischen Seite im Verfahren vor dem Spruchausschuss Umstände ergeben, welche eine Aberkennung des Ehrenbürgerrechts notwendig machen sollten, so werde er erneut Antrag stellen.Der Stadtrat erklärte sich mit diesen Ausführungen einverstanden.“ Da die Spruchkammer Willy Sachs 1948 als „Mitläufer“ eingruppierte, bestand für Oberbürgermeister Dr. Ignaz Schön keine Veranlassung, die Angelegenheit nochmals aufzugreifen. Gemäß Art. 16 Abs. 1 u. 2 Gemeindeordnung (GO) können Gemeinden Persönlichkeiten, die sich um sie besonders verdient gemacht haben, zu Ehrenbürgern ernennen. Die Ernennung kann wegen unwürdigen Verhaltens mit einer Mehrheit von zwei Dritteln widerrufen werden. Ein Widerruf nach dem Tod des Ehrenbürgers ist nicht mehr möglich, da das höchstpersönliche Ehrenbürgerrecht mit dem Tod erlischt. Durch Beschluss des Gemeinderates ist aber die „Beseitigung fortdauernder Tatbestandswirkungen“ zulässig, wie etwa die Löschung von Ehrentafeln oder sonstigen Ehrenbürgerlisten z. B. auf Internetseiten der Stadt. (Prandl/Zimmermann/Büchner/PahIke, Kommunalrecht in Bayern, 203.141 Rechtszustand 20.05.2020; Aktenvermerk IB, 23.09.2020). Eine durch einen Verwaltungsakt begründete offizielle Liste oder Matrikel der Ehrenbürger existiert nicht. Auf der Homepage der Stadt Schweinfurt sind die Ehrenbürger mit hinterlegten biographischen Stichpunkten aufgelistet:

www.schweinfurt.de/rathaus-politik/stadt/ehrenbuerger/824.Willy-Sachs-.html.

V. Aussage des Betriebsrats im Spruchkammerverfahren:

„Im Rahmen des Berufungsverfahrens wurde auch der Betriebsrat der Fichtel & Sachs AG befragt, der Willy Sachs insgesamt ein positives Zeugnis ausstellte. Den Beschäftigten des Unternehmens wurde drei Wochen lang die Möglichkeit gegeben, sich zu ihrem Chef zu äußern. Festgehalten wurde: „Belastungen keine, Entlastungen keine.“ Ein neutrales Ergebnis, das durch den Hinweis aufgehellt wurde, es sei nicht bekannt, „dass Herr Willi Sachs bei den wenigen Reden (jährlich 1. Mai) oder bei Jubilarfeiern mehr als üblich gesprochen“ habe. Der Konsul sei zwar „öfters in Uniform“ aufgetreten, „jedoch nur bei irgendwelchen besonderen Anlässen“. In Klammern wurde hinzugefügt: „SS-Uniform“. Gegenüber „ausländischen Arbeitern“ und Kriegsgefangenen habe er sich „keine Übergriffe“ zuschulden kommen lassen. Die Erklärung wurde von 14 Betriebsräten unterschrieben, darunter Fritz Bachmann, Heinrich Hümpfner, Adolf Ley, Hans Nusser und Georg Wichtermann.“ (Dornheim, S. 468 f.). Die Feststellung des Betriebsrates, dass nicht bekannt sei, „dass Herr Willi Sachs bei den wenigen Reden (jährlich 1. Mai) oder bei Jubilarfeiern mehr als üblich gesprochen habe“, findet auch in seiner Ansprache zur Einweihung des Stadions am 23. Juli 1936 (Bundesarchiv) oder in seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung des Ehrenbürgerrechts (Mainfränkische Zeitung 24.07.1936; StadtASw, HR, VR III, VII-A-3-18) Bestätigung, die sich auf floskelhafte Huldigungen des Führers beschränken. Gleiches gilt für seine Geleitworte in der Werkszeitschrift „Feldpost vom Sachs“. In der Weihnachtsausgabe 1940 fehlt sogar die eigentlich obligatorische Formel „Heil unserem Vaterland! Heil unserem Führer!“ Im Gegensatz dazu sind die Äußerungen des Betriebsobmannes (DAF) Eberhard Görner mit der Propagierung der Dolchstoßlegende, mit der Verdammung des „jüdisch-liberalistisch-marxistischen“ Geistes, „Judas“ und „Englands“ und der Verherrlichung des „heiligen, großen Reiches aller Deutschen“ tief geprägt von der nationalsozialistischen Weltanschauung (Feldpost vom Sachs, April 1940, Zum Geburtstag des Führers).

VI. Brief Willy Sachs‘ an Hermann Köhl vom 24. April 1933:

Der Versuch, aus den öffentlichen Äußerungen Willy Sachs‘ eine sein Denken und Handeln bestimmende genuin nationalsozialistische Weltanschauung abzuleiten, ist fragwürdig, da wesentlichste Elemente dieser Ideologie von Willy Sachs offensichtlich nicht thematisiert wurden: Antisemitismus, Rassentheorie, Eroberung von Lebensraum im Osten. Dies gilt auch für den von Dornheim unter der Überschrift „Parteigenosse aus ‚rein ehrlicher Überzeugung‘ im ‚rotesten Nest‘ Bayerns“ (S. 222-224) zitierten Privatbrief vom 24. April 1933 an Hauptmann Hermann Köhl, einen hochdekorierten Kampfflieger des Ersten Weltkrieges: Unreflektiert sieht Sachs seine von sentimentaler Rückschau zum Kaiserreich geprägte nationale Gesinnung, sein patriarchales Verständnis von sozialer Verantwortung und seine Hoffnung auf einen Ausgleich zwischen Arbeitgeber und Arbeiter in der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei beheimatet, der Deutschland die Bewahrung vor dem Bolschewismus verdankt: „[…] und mein Beitritt hat mit Gesinnungslumperei nichts zu tun, sondern ist aus rein ehrlicher Überzeugung erfolgt, denn diese Leute haben uns den Bolschewismus kurz vor Torschluss abgehalten und wollen auch den Hass zwischen Arbeitgeber und Arbeiter ausstreichen, wie der Führer sagt, damit wieder ein Deutschland ist und sich alles die Hände reicht.“ Eine ausführlichere, zeitnahe Stellungnahme von Willy Sachs zu den Motiven seines Parteieintritts und seiner Auffassung vom Nationalsozialismus ist nicht bekannt.

VII. Zusammenfassung:

Der fraktionsübergreifende Antrag, fußend auf den Erkenntnissen der Initiative gegen das Vergessen und den quellenkritischen historischen Forschungen von Andreas Dornheim und Wilfried Rott, hat eine breite öffentliche kontroverse Diskussion ausgelöst. Dabei stehen sich im Wesentlichen zwei Positionen offenbar unversöhnlich gegenüber: Zum einen die der Antragsteller: Sie verurteilen Willy Sachs als aktiven Täter, Nutznießer und Mitverantwortlichen im System des Nationalsozialismus und verweigern ihm jegliche Anerkennung einer positiven Lebensleistung, sei es als Stifter des Stadions, als der sozialen Marktwirtschaft verpflichteten Unternehmer der Nachkriegszeit und Förderer des Sports. Zum andern die seiner vehementen Verteidiger: Sie stellen den seiner „Werksfamilie“ sich eng verbunden gebenden, kumpelhaften und generösen Menschen Willy Sachs in den Mittelpunkt, dessen höchst erfolgreiches Wirken als Unternehmer, Stifter und Förderer des Sports in der Nachkriegszeit höchste Anerkennung gefunden hat. Die Jahre als „Mitläufer“ im Dritten Reich treten bei dieser Sichtweise in den Hintergrund, da die Zeitumstände – Diktatur und Krieg – keinen Handlungsspielraum eröffnet hätten, eine andere Firma und ihr Besitzer eine wesentlich wichtigere Rolle in der Kriegswirtschaft gespielt hätten. Von wissenschaftlicher Seite kann heute kein Zweifel mehr an der exponierten Stellung Willy Sachs‘ als Inhaber der Firma Fichtel & Sachs im Dritten Reich bestehen. Eine persönliche Mittäterschaft an den Verbrechen des Nazi-Regimes ist auf Grund der Quellenlage nicht anzunehmen. Hasserfüllte antisemitische oder rassistische Äußerungen sind nicht bekannt. Die von moralischem Rigorismus und Emotionen geprägte Debatte um die Begriffe „überzeugter Nationalsozialist“ oder „Mitläufer“ ist vor dem Hintergrund des aktuellen Kenntnisstandes nicht zielführend, zumal bei Willy Sachs, auch das hat Dornheim überzeugend herausgearbeitet, weniger von einem konsistenten politischen Weltbild, als vielmehr von einer großen politischen und menschlichen Naivität auszugehen ist. Eine angemessene Würdigung der Person Willy Sachs‘ kann nur auf dem Hintergrund der Zeitumstände erfolgen und nicht ex post nach heutigen politischen und moralischen Kriterien. Eine unserer Zeit gemäße Erinnerungskultur setzt sich offensiv mit den zu erhaltenden Relikten der Erinnerung auseinander, anstatt diese zu tilgen und durch Erläuterungen in sekundärer Form zu ersetzen. Damit würde längerfristig dem Vergessen Vorschub geleistet und die Aufklärungs- und Erinnerungsabsicht verfehlt. In diesem Zusammenhang sei auf die aktuellen Auseinandersetzungen um den Erhalt historischer Bausubstanz und deren Erläuterung im Olympiagelände Berlin (Reichssportfeld) oder im Reichsparteitagsgelände Nürnberg verwiesen. Bei der jüngsten Diskussion um die mittelalterliche Darstellung einer sog. „Judensau“ am Regensburger Dom wurde ein breiter gesellschaftlicher Konsens (Behörden, Denkmalschützer, Historiker, Kirchen, Museumsfachleute, Zentralrat der Juden in Deutschland) dahingehend erzielt, das Original unverändert, aber umfassend kommentiert, zu belassen. Die Beibehaltung des Namens „Willy-Sachs-Stadion“, verbunden mit einer entsprechenden Informationstafel ist im Sinne einer richtig verstandenen Erinnerungskultur angemessener, als das Tilgen eines Namens und der damit verbundenen Person aus dem Gedächtnis einer demokratisch verfassten Kommune und offenen Gesellschaft. Die „Willy-Sachs-Sportanlagen“ sind in ihrer Gesamtheit in die Bayerische Denkmalliste eingetragen. Im Gegensatz zur Haupttribüne, die der Tradition des Bauhauses verpflichtet ist, zeigt der Eingangsbereich mit dem Schriftzug „Willy-Sachs-Stadion“ deutliche Bezüge zur völkischen Kunst und Architektur. Auf Anfrage hat sich das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege (Mail vom 04.12.2020, Dipl.-Ing. Hans-Christof Haas) wie folgt geäußert: „Aus denkmalfachlicher Sicht stellt diese Komposition ein bewusst gestaltetes Ensemble dar, das als Zeitzeugnis grundsätzlich erhalten werden sollte. […] Das BLfD begrüßt den Diskurs, der um den Namen des Stadions und seine Attribute entstanden ist, da er eine aktive Auseinandersetzung mit den dunklen Seiten der deutschen Geschichte und ihren gebauten Zeugnissen befördert. […] Daher regt das BLfD an, die Attribute der Eingangssituation auf alle Fälle „in situ“ zu belassen, aber durch Interventionen und Ergänzungen zu verfremden, um eine neue Perspektive auf die Geschichte zu ermöglichen und vor Ort zum Nachdenken anzuregen. Dies dürfte durchaus auch im Rahmen einer modernen Architektur- und Kunstform stattfinden, die durch einen Ideenwettbewerb ermittelt werden könnte. Als Anregung (nicht als direktes Vorbild) sei in diesem Zusammenhang auf die kürzlich – ungenehmigt erfolgte und bereits wieder entfernte – Regenbogenbemalung der Zeppelintribüne in Nürnberg hingewiesen. […] Die Bandbreite von möglichen Eingriffen und zusätzlichen Objekten kann aus denkmalfachlicher Sicht sehr weit gefächert sein, solange zumindest der Erhalt der historischen Substanz gewährleistet ist. […] Eine ergänzende Informationstafel, die die Persönlichkeit Willy Sachs und die Stadiongeschichte vorstellt, sollte selbstverständlich Bestandteil des Gesamtkonzepts sein.“

VIII. Beschlussvorschlag:

1.) Eine Streichung Willy Sachs‘ von der, auf den Internetseiten der Stadt Schweinfurt veröffentlichten, Liste der Ehrenbürger erfolgt nicht. Die hinterlegten biographischen Daten werden ergänzt.
2.) Eine Umbenennung des Willy-Sachs-Stadions in Sachs-Stadion wird abgelehnt.
3.) Eine ausführliche Informationstafel wird aufgestellt.



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