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Callcenterbetrüger erbeuten über eine halbe Million Euro: Tatverdächtiger in Untersuchungshaft


Eisgeliebt

UNTERFRANKEN – Am Mittwoch gingen bei der Polizei in ganz Unterfranken unzählige Hinweise auf versuchte Callcenterbetrüge ein. In fünf Fällen übergaben Geschädigte Bargeld und Schmuck im Wert von insgesamt über einer halben Million Euro.

In einem Fall gelang der Kriminalpolizei Würzburg die Festnahme eines Tatverdächtigen. Dieser sitzt inzwischen in U-Haft. Das Polizeipräsidium Unterfranken bittet um Mithilfe bei der Fahndung und der Prävention.



Übliche Masche – Verkehrsunfall mit tödlichem Ausgang


Im gesamten Tagesverlauf gingen am Mittwoch unzählige Anrufe von sogenannten Callcenterbetrügern bei Bürgerinnen und Bürgern in Unterfranken ein. Bislang unbekannte Personen gaben am Telefon vor, dass Angehörige Verkehrsunfälle verursacht hätten, bei denen Menschen getötet worden wären und würden, sollte keine Kaution gezahlt werden, ins Gefängnis müssen.

Vermeintliche Staatsanwälte, Polizeibeamte und Richter setzten die Angerufenen in den Gesprächen massiv unter Druck. In den meisten Fällen erkannten die Opfer die Masche, legten auf und verständigten die Polizei.

In fünf Fällen führten die Anrufe der Betrüger allerdings zum Erfolg.

Namen stehen im Telefonbuch

Gegen 10:30 Uhr wurde ein 89-Jähriger aus Würzburg angerufen, der sich durch die beschriebene Masche von den Betrüger täuschen ließ. In Sorge um seine Tochter holte der Senior rund 280.000 Euro in bar sowie rund 25.000 Euro in Goldbarren von der Bank und übergab gegen 14:30 Uhr sein Hab und Gut in der Steigstraße in Versbach an einen schlanken, etwa 172cm großen und rund 40 Jahre alten unbekannten Mann. Vor- und Nachname des Seniors stehen zusammen mit dessen Adresse im Telefonbuch. Daten, die sich die Betrüger mutmaßlich zu Nutze gemacht haben.

Bankdaten erfragt

Gegen Mittag täuschten unbekannte Täter mit der gleichen Geschichte eine 62-Jährige aus dem Landkreis Rhön-Grabfeld. Die Dame übergab im festen Glauben daran, ihre Tochter damit vor einer Haftstrafe zu bewahren, 19.000 Euro Bargeld kurz nach 12:00 Uhr in der Maxstraße in Bad Kissingen an einen unbekannten Mann, der etwa 20 Jahre alt und rund 180cm groß und hager gewesen sein soll. Der Geldabholer habe Hochdeutsch gesprochen und war mit einem lachsfarbenen Pullover, einer blauen Jeans und Turnschuhen bekleidet. Neben dem Bargeld gab die Betrogene noch ihre Bankdaten an die Täter heraus, da diese angeblich benötigt würden, um mögliche Rückerstattungen tätigen zu können.

Personalausweisdaten abgefragt

Gegen 16:00 Uhr übergab ein 48-jähriger Mann aus Würzburg vor dem dortigen Amtsgericht 13.000 Euro Bargeld an eine weibliche Geldabholerin. Der Beamte ließ sich in großer Sorge um seine Ehefrau von den Betrügern täuschen und hegte die Hoffnung, seiner Frau durch die Zahlung der angeblichen Kaution helfen zu können. Noch im Verlauf des Telefonats ließen sich die Betrüger die personenbezogenen Daten von Familienangehörigen und die Daten des Personalausweises des Angerufenen geben. Auch dieser Aufforderung kam das Opfer gutgläubig nach.

Psychische Ausnahmesituation

Eine 85-Jährige aus Bad Kissingen ging bislang unbekannten Betrügern ebenfalls auf den Leim und übergab am Vormittag in der Theresienstraße 60.000 Euro Bargeld an einen schlanken, ca. 30-jährigen Mann, der 175cm groß gewesen sein soll. Die Dame war derart in Sorge um ihre Enkelin, dass sie jegliche Alarmsignale übersehen wurden.

Weiteres Geld gefordert

Der Sohn eines 92-Jährigen aus Bad Kissingen habe bei einem Verkehrsunfall eine Frau und deren Kinder überfahren. Deshalb forderte ein angeblicher Richter 150.000 Euro Kaution. Nur so könne von einer Inhaftierung abgesehen werden. Der Senior übergab daraufhin vor dem Amtsgericht in Schweinfurt Schmuck, Goldmünzen und Goldbarren im Wert von 100.000 Euro sowie 50.000 Euro Bargeld an eine ihm unbekannte Person. Nachdem weiteres Geld gefordert wurde machte sich der 92-Jährige erneut auf den Weg und übergab nochmals 30.000 Euro Bargeld an einen unbekannten Geldabholer vor dem Amtsgericht in Fulda.

Festnahme eines Geldabholers

Auch eine 80-Jährige aus dem Landkreis Würzburg erhielt gegen 15:00 Uhr einen Anruf von Callcenterbetrügen, die eine Kaution zur Abwendung der Inhaftierung eines Familienmitglieds forderten. Die Rentnerin erkannte den Betrugsversuch sofort, ging zum Schein auf die Forderungen ein und verständigte umgehend parallel die Polizei. Beamten der Kriminalpolizei Würzburg gelang daraufhin gegen 18:30 Uhr in Rimpar die Festnahme eines 41-jährigen Mannes aus Polen, der den Callcenterbetrügern mutmaßlich als Geldabholer dienen sollte. Beute aus möglichen anderen Taten konnte bei dem Festgenommenen nicht aufgefunden werden.

Vorführung und Untersuchungshaft

Auf Anordnung der Staatsanwaltschaft Würzburg wurde der 41-jährige Beschuldigte am Donnerstag dem Ermittlungsrichter vorgeführt, der die Untersuchtungshaft gegen den Mann anordnete. Zwischenzeitlich wurde der mutmaßliche Geldabholer einer Justizvollzugsanstalt überstellt.

Weitere Ermittlungen

Die Kriminalpolizei Würzburg ermittelt in enger Abstimmung mit der Staatsanwaltschaft Würzburg zu den Hintermännern aber auch zu den Identitäten der Geldabholer. Personen, die am Mittwoch in der Nähe der Tatorte verdächtige Beobachtungen gemacht haben oder sonst Hinweise auf die Identität von den Gesuchten geben können werden dringend gebeten, sich unter Tel. 0931/457-1732 zu melden.

Staatsanwaltschaft und Polizei warnen

Aufgrund der weiterhin hohen Fallzahlen im Bereich Callcenter-Betrug und dem damit verbundenen finanziellen Schaden, aber auch den psychischen Folgen für die Betroffenen, hat sich das Polizeipräsidium Unterfranken Ende 2020 dazu entschieden, zum Schutz der Opfer auch im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit nochmals aktiv zu werden und die Präventionskampagne “Leg´auf!” gestartet.

Das Ziel dieser Kampagne ist es, insbesondere ältere Menschen und deren Angehörigen über die Phänomene wie „Enkeltrickbetrug“ und „Falsche Polizeibeamte“ zu informieren, zu sensibilisieren und Verhaltenstipps zu geben. Die wichtigsten Botschaften sind:

Legen Sie auf. Wählen Sie selbst die Notrufnummer 110 und fragen bei der Polizei nach einem entsprechenden Einsatz bzw. ob tatsächlich Verwandte in Not sind.
Die Polizei weist Sie niemals an, Geld oder Schmuck zu Hause zur Abholung bereit zu legen oder an Abholer zu übergeben!
Übergeben Sie keine Geldbeträge an Fremde! Auch die Polizei holt bei Ihnen an der Haustüre keine Wertsachen ab, um sie in Verwahrung zu nehmen!
Die Täter können mittels Call ID-Spoofing jede von ihnen gewünschte Rufnummer auf dem Telefondisplay anzeigen lassen – bei der echten Polizei erscheint niemals die 110 (auch nicht mit Vorwahl)!
Sprechen Sie mit ihren Freunden, Nachbarn und Verwandten über das Phänomen!
Weitere Informationen: https://www.polizei.bayern.de/schuetzen-und-vorbeugen/senioren/004577/index.html

Die Staatsanwaltschaft Würzburg und das Polizeipräsidium Unterfranken bitten eindringlich darum, dass Bürgerinnen und Bürger aus Unterfranken mit ihren Verwandten über das Phänomen „Callcenterbetrug“ sprechen und gerade ältere Menschen auf die Betrugsmaschen der Täter in aller Deutlichkeit hinweisen.


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