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„Wir werden nie mehr was finden, was wir so gut können wie Tischtennis!“: Interview mit Weltstar Timo Boll


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BAD KÖNIGSHOFEN – Letzten Sonntag gastierte die erfolgreichste deutsche Vereinsmannschaft, der frisch gebackene Championsleague-Sieger Borussia Düsseldorf in der Bundesliga beim TSV Bad Königshofen. Bereits im Vorfeld führten wir mit seiner Nummer 1, dem erfolgreichsten deutschen Tischtennisspieler aller Zeiten Timo Boll dieses Interview.

Sie sind in einem vergleichbaren Ort wie Bad Königshofen aufgewachsen, waren schon ein paar Tage hier mit dem Wohnmobil und Gast in der FrankenTherme. Welche Eindrücke haben Sie mitgenommen?
Timo Boll: „Ich mag diese kleinen Orte. Da geht alles noch ein wenig familiärer zu. Die gesamte Atmosphäre, mein Ersteindruck war schon sehr, sehr gut.“


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Welche Erinnerungen haben Sie an Ihren Auftritt in der ausverkauften Shakehands-Arena?
Boll: „Die Stimmung war schon der Wahnsinn. Für Bad Königshofern war es natürlich schade, dass es nicht gereicht hat gegen uns. Bei uns hat das alles aber einen sehr guten Eindruck hinterlassen. Schade dass wir beim Spiel morgen diese Stimmung nicht noch einmal genießen können.“


Sie haben schon die ganze Welt bereist. Von welchem Land waren Sie am meisten beeindruckt?
Boll: „Am häufigsten war ich natürlich in China, spielte dort zwei Jahre in der Superliga. Dort ist Tischtennis Volkssport und eine große Mediensportart, deshalb ein großer Markt für uns. Weshalb wir auch froh sind, dass es China im Tischtennis in dieser Form gibt. Sie sind natürlich auch unsere größten Konkurrenten und haben uns viele Titel weg geschnappt. Ich bin aber immer sehr gern dort, habe auch eine große Fan-Base und all die Jahre das Land, vor allem die Menschen dort schätzen gelernt.“

Sie hatten unzählige Erfolge und haben für einen Nicht-Chinesen nahezu alles erreicht was möglich ist. Welche drei Erfolge bedeuten Ihnen am meisten?
Boll: „Schwierig. Die Worldcup-Erfolge waren was Besonderes, gerade der 2005, als ich alle drei Chinesen hintereinander schlagen konnte. Die Olympiamedaillen waren was sehr Emotionales, weil man sich zusammen mit dem Team freuen konnte. Aber genau so die Championsleague-Siege damals mit dem TTV Gönnern und dann mit Borussia Düsseldorf. Ich bin sehr froh, dass ich das erleben durfte.“

Sie haben einen ungeheuren Beliebtheits- und Bekanntheitsgrad. Man spricht über Sie von Sport-Legende, Denkmal und Galionsfigur. Sie haben einen ungeheuren Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad, sogar in China. Worin sehen Sie die Gründe?
Boll: „Schwierige Frage. Ich schätze mal, dass ich mich anständig verhalten habe gegenüber Mitspielern, Fans, ja, Menschen einfach. Aber das gehört sich einfach auch so. So bin ich erzogen worden. Ich verhalte mich einfach so, wie ich auch behandelt werden möchte. So bin ich in jeder Lebenslage immer ganz gut gefahren.“

Sie haben einmal in einen großen Turnier gegen einen großen Gegner durch Ihre Ehrlichkeit den Sieg aus der Hand gegeben, als Sie einen Matchball, den nur Sie als Kantenball bemerkt hatten, zurückgaben und das Spiel verloren. Man schreibt Ihnen den Spruch zu, „Eine große Liebe betrügt man nicht“ und Sie hätten damit eine große Welle der Ehrlichkeit im Tischtennis ausgelöst.
Boll: „Als jüngerer Spieler war ich vielleicht auch nicht der fairste und hab´ mal ´nen Kantenball mitgenommen. Es hat sich dann für mich aber nicht gut angefühlt wie es sollte, und ich konnte den Sieg nicht so genießen. Dadurch habe ich darüber nachgedacht und versucht, mich selbst nicht zu betrügen, den Sport nicht und meinen Gegner nicht. Ja schon, ich war ein sehr gutes Vorbild darin für viele und mittlerweile ist es fast verpönt bei uns, im Tischtennis unfair zu sein. Wenn ich einen kleinen Beitrag dazu leisten konnte, dann freue ich mich darüber. Das Wichtigste dabei ist aber für mich, dass ich mit mir selbst im Reinen bin. Am Ende muss jeder selbst wissen, wie er mit sich klarkommt.“

Wie Bad Königshofens Bastian Steger werden Sie im März 40. Basti geht davon aus, noch einige Jahre auf diesem Niveau spielen zu können. Was haben Sie vor?
Boll: „Ja ich bewundere und beneide den Basti ein bisschen um seinen Körper. Er bewegt sich echt noch super geschmeidig. Bei mir sieht das mittlerweile echt ein bisschen hölzerner aus. Es macht mir aber auch noch unheimlich viel Spaß. Man muss mich wahrscheinlich auch eines Tages dazu zwingen aufzuhören. Es wird mir mit Sicherheit sehr schwerfallen, doch der Tag rückt näher und dessen muss man sich einfach bewusst werden. Aber noch läuft`s ja bei uns beiden noch ganz gut und wir können das Ganze noch genießen. Wir werden nie mehr was finden, was wir so gut können wie Tischtennis. Deshalb genieße ich jeden Ballwechsel, jedes Match, das ich machen kann und freue mich jeden Tag, wenn ich aufstehe und habe nicht so große Schmerzen und kann ins Training gehen.“

Hat man als Vorbild für andere selber auch ein Vorbild?
Boll: „Früher hatte ich Vorbilder wie Jörg Roßkopf, mit dem ich auch noch zusammen in einer Mannschaft spielte und der gezeigt hat, wie hart man für den Sport arbeiten muss, um erfolgreich zu werden. Ich hatte aber auch die Möglichkeit, viele Sportler aus anderen Sportarten kennen zu lernen, die gute Typen waren und man sah, dass sie dennoch am Boden geblieben sind wie etwa Dirk Nowitzki oder Felix Neureuther. Sie waren Vorbilder für mich, weil sie einfach nette Jungs geblieben sind.“

Man hat Sie selten gesehen, dass Sie Ihren Ärger raus lassen. Wie machen Sie das? Worüber können Sie sich ärgern?
Boll: „Das Wichtigste ist für mich immer, dass ich alles probiert und gekämpft habe. Wenn´s dann nicht reicht, war der Gegner einfach besser, dann akzeptiere ich das auch. Es steht einem ja immer jemand gegenüber, der auch dafür alles gibt. Der kann auch mal ´nen super Tag haben und das muss man einfach akzeptieren und respektieren. Deshalb ärgere ich mich gar nicht so, ob ich gewonnen oder verloren habe, sondern mache das an mir aus, ob ich mit meiner Leistung zufrieden bin.“

Worüber können Sie besonders lachen?
Boll: „Ich habe leider vor kurzem meinen Hund verloren, der eigentlich mein großes Vorbild war in Sachen Fröhlichkeit. Er war immer gut gelaunt und super drauf und das war sehr ansteckend. Und deshalb sind wir gerade etwas traurig in der Familie. Nach 16 Jahren den Weggefährten zu verlieren, das war sehr hart für uns.“

Was gehört für Sie dazu glücklich zu sein?
Boll: „Mich belastet es fast mehr, wenn im Umfeld, in der Familie Probleme auftreten. Wenn man spürt, dass die Menschen sich sorgen und unzufrieden sind, weshalb auch immer. Das beschäftigt mich vielleicht mehr als meine eigenen Probleme, die man irgendwie auch vergraben kann. Aber Leid zu sehen bei anderen, die einem wichtig sind, mag ich nicht so gerne.“

Mit welchen Erwartungen fahren Sie voraussichtlich zu den Olympischen Spielen nach Tokio?
Boll: „Zu allererst hoffe ich natürlich, dass sie überhaupt sattfinden. Vor der Corona-Krise war ich super drauf, habe mich bärenstark gefühlt vom Level her und war dran gewesen an den Top-Chinesen. Dann kamen der Lockdown und einige körperliche Probleme, was mich alles ein bisschen zurückgeworfen hat. Aber ich habe ja noch etwas Zeit. Ich versuche optimistisch zu sein, mich gut vorzubereiten, mehr geht nicht, und einfach schauen, wie weit es geht. Ich habe das Glück bereits qualifiziert zu sein. Deshalb kann ich mich voll auf die Vorbereitung konzentrieren. Dann will ich nicht sagen, gehe ich es locker an. Aber ich versuche, noch mal ein gutes Ergebnis raus zu hauen.

Wir leben gerade in einer Zeit, in der es für Kinder und Jugendliche unmöglich ist, sich in ihrer Sportart weiter zu entwickeln, weil außer dem Profisport nichts geht: Keine Wettkämpfe, kein Training, Ziele, wenn überhaupt, zeitlich total verschwommen. Welche Botschaft möchten Sie ihnen mitgeben?
Boll: „Versucht kreativ zu sein. Ich habe früher einfach gegen die Wand gespielt, alle möglichen Dinge ausprobiert, um mich sportlich aktiv zu betätigen, nicht einmal speziell für die eine Sportart. Es geht um jegliche Art von Koordination oder Sport. Das hilft, um sich auch im eigenen Sport weiter zu entwickeln. Ich kann aber mitfühlen und das nachvollziehen, das ist bestimmt überhaupt nicht einfach. Man darf nur nicht aufgeben, die Motivation nicht verlieren. Ich drücke uns allen die Daumen, dass es bald wieder normaler wird.“

Steckbrief Timo Boll:
Geburtsdatum: 08.03.1981
Geburtsort: Erbach im Odenwald
Familienstand: verheiratet seit 2003, eine Tochter
Wohnort: Höchst i.O.
Aktueller Verein: Borussia Düsseldorf
Bisherige Vereine: TSV Höchst (1986 – 1994), FTG Frankfurt (1994 – 1995), TTV Gönnern (1995 – 2007), dazwischen 2005 und 2006 in der chinesischen Superliga für Guangdong Baomashi (Bilanz 3:2) und Zhejiang Haining Hongxiang (8:5)
Größte Erfolge: Medaillengewinne bei Olympia (3), bei Weltmeisterschaften (7), bei Europameisterschaften (24, davon 19 x in Gold und davon 7 x im Einzel), Gesamtweltcup (2), Championsleaguesiege (6) Weltranglisten-Erster (4 x, insgesamt 11 Monate), 26 Titelgewinne mit Borussia Düsseldorf
Auszeichnungen: u.a. ITTF-Fair-Play-Preis, Silbernes Lorbeerblatt, mehrfach 2. und 3. bei Sportler des Jahres.

Text und Fotos: Rudi Dümpert für SW1.News



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